Unterwegs im südlichen Afrika (Teil 1): Auf den Spuren der Giganten

Die Wildnis ruft: Aktuell ist unser Rangernetz-Gesellschafter Roland Furrer im südlichen Afrika unterwegs. Zwischen weiten Landschaften, eindrücklichen Tierbegegnungen und stillen Momenten in der Natur sammelt er Eindrücke, Erfahrungen und Bilder aus einer Region, in der Wildnis noch in grossen Dimensionen erlebbar ist.

Ob allein in den Nationalparks oder im Austausch mit lokalen Rangern, Guides und Trackern: Im Zentrum der Reise stehen Schutz, Beobachtung und das tiefe Erleben einzigartiger Ökosysteme. Es geht um Begegnungen mit Tieren, um die Kraft der Landschaft – und auch um die Frage, wie Mensch und Natur in diesen Räumen zusammenfinden.

Gänsehaut schon bei der Anreise

Das Abenteuer beginnt im südlichen Afrika oft schon lange vor dem eigentlichen Ziel. Noch bevor die offiziellen Tore der Schutzgebiete erreicht sind, verändert sich der Blick auf die Landschaft. Die Weite wird grösser, die Strassen leerer, die Aufmerksamkeit schärfer. Jeder Kilometer fühlt sich an wie ein Schritt tiefer hinein in eine andere Welt.

Und dann geht es plötzlich schnell: Die ersten Wildtierbegegnungen liessen nicht lange auf sich warten. Tiere nicht im Zoo, nicht hinter Zäunen, sondern in ihrer Umgebung, in ihrer eigenen Selbstverständlichkeit. Genau diese ersten Sichtungen sorgen für Gänsehaut – und stimmen einen auf das ein, was noch kommen wird.

Damaraland: Zu Fuss zu den Wüsten-Nashörnern

Ein erster grosser Höhepunkt der Reise wartete in der Palmwag-Region im Damaraland. Diese Landschaft wirkt rau, trocken und fast archaisch. Gerade deshalb ist sie so eindrücklich. Wer hier unterwegs ist, spürt schnell: Leben in dieser Umgebung ist keine Selbstverständlichkeit.

Bereits aus der Ferne konnten wir die seltenen Wüsten-Nashörner erspähen. Allein dieser Moment war besonders. Doch es sollte noch intensiver werden. Gemeinsam mit erfahrenen Guides und Trackern machten wir uns zu Fuss auf die Spur dieser aussergewöhnlichen Tiere.

Zu Fuss unterwegs zu sein, verändert alles. Jeder Schritt wird bewusster, jede Spur im Boden bedeutender, jeder Windzug relevanter. Man ist nicht einfach Beobachter aus der Distanz, sondern Teil eines hochkonzentrierten, respektvollen Annäherns. Die Guides lesen die Landschaft mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit: Fährten, Bewegungen, Verhalten, Windrichtung – alles zählt.

Die Belohnung war ein Erlebnis, das lange nachhallt: An zwei verschiedenen Orten konnten wir insgesamt vier Wüsten-Nashörner aus nächster Nähe beobachten. Diese urzeitlich anmutenden Riesen in ihrer natürlichen Umgebung zu sehen, ist tief beeindruckend. Ihre Ruhe, ihre Kraft und ihre Präsenz machen demütig.

Etosha: Ein Paradies im Wandel

Der nächste Abschnitt führte in den Etosha-Nationalpark – einen Ort, der für viele sinnbildlich für Namibia steht. Und auch hier dauerte es nicht lange, bis ein weiterer unvergesslicher Moment folgte: Ein gewaltiges Nashorn querte direkt vor uns die Strasse. In diesem Augenblick war klar, dass diese Reise in besonderer Weise auch eine Reise der Nashorn-Begegnungen werden würde.

Etosha zeigte sich allerdings nicht ganz so, wie man es aus trockeneren Jahren kennt. Nach den Regenfällen stand das Gras ungewöhnlich hoch. Das machte Tierbeobachtungen stellenweise anspruchsvoller, verlieh dem Park aber zugleich eine ganz eigene Stimmung. Die Landschaft wirkte voller, dichter, lebendiger.

Trotzdem – oder gerade deshalb – gab es unglaublich viel zu entdecken. Elefanten, Giraffen, zahlreiche Antilopenarten und immer wieder überraschende Begegnungen entlang der Strecke machten deutlich, wie reich dieses Gebiet ist. Wer genau hinschaut, sieht nicht nur Tiere, sondern Zusammenhänge: Wasser, Vegetation, Bewegung, Anpassung, Konkurrenz und Koexistenz.

Besonders eindrücklich war der Westen des Parks. Nach den schweren Bränden im Vorjahr zeigt sich dort, wie gross die Regenerationskraft der Natur sein kann. Was vor kurzer Zeit noch von Feuer gezeichnet war, wirkt heute vielerorts wieder lebendig und kraftvoll. Es ist ein stiller, aber eindrücklicher Hinweis darauf, dass Schutzgebiete immer auch Räume des Wandels sind.

Wildnis heisst auch Wahrnehmen

Solche Reisen sind mehr als eine Aneinanderreihung spektakulärer Sichtungen. Sie erinnern daran, was Schutzgebiete eigentlich sind: Lebensräume mit eigenen Regeln, eigener Dynamik und eigener Würde. Wer sich darauf einlässt, erlebt nicht nur Tiere, sondern auch Demut, Aufmerksamkeit und Respekt.

Gerade im Austausch mit lokalen Rangern, Guides und Trackern wird deutlich, wie viel Wissen, Erfahrung und Verantwortung hinter dem Schutz dieser Gebiete stehen. Natur ist nicht einfach da. Sie braucht Raum, Verständnis und Menschen, die hinschauen, begleiten und wenn nötig auch eingreifen.

Für uns als Rangernetz ist genau das spannend: Auch wenn die Landschaften, Tierarten und Dimensionen andere sind als bei uns, bleiben viele Grundfragen dieselben. Wie schützt man sensible Lebensräume? Wie lenkt man Besucher? Wie vermittelt man den Wert von Natur so, dass daraus Verständnis und Rücksicht entstehen? Und wie schafft man Akzeptanz für Schutz, ohne das Naturerlebnis zu verlieren?

Wie geht es weiter?

Der Staub von Etosha liegt noch in der Luft, während sich der Blick bereits weiter nach Norden richtet. Die Reise führt nun in wasserreichere Gebiete – Richtung Caprivi-Streifen und zu den geheimnisvollen Linyanti-Sümpfen.

Dort verändert sich die Landschaft erneut: weg von Trockenheit und Weite, hin zu Wasser, dichter Vegetation und neuen Tierwelten. Wir dürfen gespannt sein, welche Begegnungen, Perspektiven und Geschichten die nächsten Etappen bereithalten.

Fortsetzung folgt.

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