Wenn der Wald gesperrt ist: vom Eggwald an die Surb
Eigentlich wollte Ranger Christopher vom Rangernetz mit dem Vorstand des Naturschutzvereins Niederhasli den Eggwald erkunden. Doch nach dem heftigen Sturm vom 28. August waren Wald und Waldränder im Wehntal aus Sicherheitsgründen gesperrt. Aus der kurzfristigen Planänderung entstand eine abwechslungsreiche Exkursion entlang der renaturierten Surb – mit dem Eggwald stets im Blick.
Sicherheit geht vor
Das Unwetter hatte zahlreiche Bäume beschädigt, Äste abgebrochen und Bäume entwurzelt. Weil die Gefahren nicht überall unmittelbar erkennbar waren, sperrte der Regionale Führungsstab Lägern-Egg die Wälder in neun Gemeinden vorübergehend. Auch der Eggwald durfte nicht betreten werden. Mitteilung der Gemeinde Oberweningen
Für Ranger ist eine solche Situation eindeutig: Sicherheit steht an erster Stelle. Statt die Exkursion abzusagen, wurde die Route kurzerhand verlegt. Treffpunkt war nun die Schmittenwis in Niederweningen. Von dort führte die Begehung der Surb entlang bis in Richtung Gemeindegrenze Schleinikon.
Mehr Raum für die Surb
Die Surb war in diesem Abschnitt früher stark eingeengt, begradigt und strukturarm. Gleichzeitig reichte die Abflusskapazität nicht aus, um die angrenzenden Quartiere zuverlässig vor Hochwasser zu schützen.
Zwischen der Wehntalerstrasse und der Gemeindegrenze Schleinikon wurde deshalb ein rund 570 Meter langer Abschnitt neu gestaltet. Das 2019 abgeschlossene Projekt verbindet Hochwasserschutz, ökologische Aufwertung und Naherholung. Die Surb erhielt mehr Raum, ein vielfältigeres Gerinne und die Möglichkeit, sich innerhalb definierter Grenzen eigendynamisch zu entwickeln. Regierungsratsbeschluss des Kantons Zürich
Bereits bei der Schmittenwis zeigt sich, dass Besucherlenkung nicht erst bei einer Verbotstafel beginnt. Sitzstufen und Wege ermöglichen den Zugang zum Wasser dort, wo er erwünscht ist. Andere Bereiche bleiben ruhiger und können sich weitgehend ungestört entwickeln.
Kleine Strukturen mit grosser Wirkung
Auf dem Weg liessen sich viele Elemente direkt erkennen:
flache und tiefere Wasserbereiche
schnell und langsam fliessende Abschnitte
Kiesablagerungen und kleinere Uferanrisse
Wurzelstöcke, Totholz und Faschinen
besonnte und beschattete Uferbereiche
gezielt gepflanzte einheimische Gehölze
Solche Strukturen bremsen oder lenken die Strömung, schaffen Unterstände und bilden unterschiedliche Lebensräume für Fische, Insekten, Reptilien, Vögel und Uferpflanzen. Wurzelstöcke, Raubäume und Faschinen wurden bewusst in das Niederwassergerinne eingebracht. Projektbeschrieb Sieber & Liechti
Die Gruppe diskutierte dabei eine zentrale Frage: Wie viel Eigendynamik soll ein Bach erhalten – und wo braucht es technische Sicherung?
Denn auch eine renaturierte Surb ist kein unberührtes Gewässer. Hochwasserschutz, Brücken, Leitungen, Wege und Grundwasser setzen Grenzen. Naturnah gebaut bedeutet nicht ungebaut. Die Qualität entsteht gerade aus der Verbindung von gezielter Gestaltung und anschliessender natürlicher Entwicklung.
Gebaut ist noch nicht fertig
Ob eine Revitalisierung langfristig erfolgreich ist, zeigt sich nicht am Eröffnungstag. Gerinne, Vegetation und Ufer verändern sich mit jedem Hochwasser. Gehölze wachsen, Kies wird umgelagert und neue Kleinstrukturen entstehen. Gleichzeitig müssen unerwünschte Erosion, Neophyten, Trittschäden und Störungen beobachtet werden.
Damit führte die Surb direkt zu einem Kernthema der Rangerarbeit: beobachten, Entwicklungen einordnen, Menschen ansprechen und Beobachtungen an die zuständigen Stellen weiterleiten.
Ranger ersetzen weder Wasserbau, Forst, Naturschutz noch Gemeindebehörden. Sie ergänzen deren Arbeit durch regelmässige Präsenz, direkten Kontakt mit der Bevölkerung und eine breite Wahrnehmung dessen, was sich vor Ort verändert.
Der Eggwald blieb im Blick
Vom Spielplatz aus war der Eggwald zwar nur aus der Ferne zu sehen. Inhaltlich spielte er dennoch eine wichtige Rolle. Der Blick hinauf zum gesperrten Waldgebiet eröffnete den zweiten Teil der Exkursion.
Der Eggwald steht auf sehr alten Deckenschottern. Gerundete Gerölle, Sandlagen und verfestigte Nagelfluh erzählen von früheren Flüssen, Gletschern und Eiszeiten. Gedanklich führte die Reise bis in die Mammutwelt des Wehntals vor rund 40’000 Jahren.
Auch die menschliche Geschichte ist im Wald eingeschrieben. Prähistorische Grabhügel, frühere Waldweide, Schweinemast, Brennholznutzung und Laubstreugewinnung zeigen: Der Eggwald ist nicht nur Naturraum, sondern auch Kulturlandschaft.
Besonders deutlich wird dies beim Wandel vom früheren Mittelwald zum heutigen Hochwald. Mittelwälder waren häufig licht, mehrschichtig und reich an Eichen. Mit der Überführung in dichtere Hochwälder nahmen Eiche, Föhre sowie licht- und wärmeliebende Arten ab. Wertvolle lichte Waldlebensräume müssen deshalb teilweise aktiv gepflegt werden.
Was Surb und Eggwald verbindet
Auf den ersten Blick könnten ein Bach und ein grosses Waldgebiet kaum unterschiedlicher sein. Bei genauerem Hinsehen stellen sich jedoch dieselben Fragen:
Wo soll sich die Natur möglichst frei entwickeln?
Wo braucht es aktive Pflege oder technische Sicherung?
Wo treffen Schutz, Nutzung und Erholung aufeinander?
Wo sind Information und Besucherlenkung notwendig?
Wie lässt sich erkennen, ob eine Massnahme tatsächlich wirkt?
Die Surb zeigt diese Zusammenhänge auf wenigen hundert Metern. Im Eggwald spielen sich vergleichbare Entwicklungen über Jahrzehnte und Jahrhunderte ab. Alte Eichen und Biotopbäume sollen erhalten, lichte Waldflächen gepflegt, Totholz belassen und standortgerechte Mischbestände gefördert werden. Gleichzeitig muss sich der Wald an wärmere und trockenere Sommer anpassen.
Manchmal schärft eine Planänderung den Blick
Der Eggwald konnte an diesem Tag nicht betreten werden. Trotzdem blieb er präsent: als Landschaft am Horizont, als Thema und als Beispiel dafür, dass Natur ihre eigenen Bedingungen setzt.
Die kurzfristige Verlegung an die Surb erwies sich deshalb nicht als Ersatzprogramm. Sie machte sichtbar, was moderne Naturschutz- und Rangerarbeit auszeichnet: Veränderungen aufmerksam wahrnehmen, unterschiedliche Interessen zusammenbringen und gemeinsam nach tragfähigen Lösungen suchen.
Oder kurz gesagt: Natur ist kein fertiger Zustand. Sie braucht Raum, Zeit, Aufmerksamkeit – und manchmal auch die Bereitschaft, den Weg zu ändern.
Apéro neben der Surb
Zum Abschluss traf sich die Gruppe beim Spielplatz zu einem kleinen Apéro. Nach der Begehung und den vielen Eindrücken blieb Zeit für persönliche Gespräche, Fragen und den Austausch über Naturschutz, Rangerarbeit und die Entwicklung der Landschaft. Surb und Eggwald bildeten dabei die Kulisse – an diesem Tag unerreichbar, aber dennoch ständig präsent. Gerade der ungezwungene Austausch gehört zu einer solchen Exkursion: Naturschutz lebt nicht nur von Fachwissen und Massnahmen, sondern auch von Menschen, die miteinander ins Gespräch kommen, Erfahrungen teilen und gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Der Vorstand des Naturschutzvereins Niederhasli beim Apéro neben der renaturierten Surb. Vielen Dank für die spannenden Gespräche!